WS 2005/2006                          Preuß Texterschließung                 Text 4: model answer

Wenn die Vereinigten Staaten wirklich ein Schmelztiegel wären, müssten wir eigentlich erwarten, dass unsere Bevölkerung, die sich ja aus allen Rassen zusammensetzt, sozusagen die Gesamtsumme dessen widerspiegelt, was alle Rassen zum Gemeinwohl der Menschheit beitragen könnten. Wir könnten daher erwarten, in den Vereinigten Staaten viel Kunst, hochentwickelte Wissenschaft und edle Dichtung (vor)zufinden. Dies hatten die optimistischen Amerikaner in der Tat erwartet und diese Erwartung [Erwartungshaltung] lieferte den Stoff für zahlreiche [ausführliche] Kommentare kritischer Ausländer, die sich beim Besuch unseres Landes [unserer „Gestade"] (darüber) wunderten, vielleicht im Grunde sogar mit einem Gefühl innerer Befriedigung, dass ein so neues und angeblich doch so voller Tatendrang steckendes Land, bis jetzt ausgerechnet [gerade] auf geistigem Gebiet derart magere [kümmerliche] Ergebnisse [Leistungen] vorzuweisen hat. Es ist jedoch eine Tatsache, dass eine Nation, die ihre Vergangenheit abgelegt hat, damit (auch gleichzeitig) ihre Ausdrucksmöglichkeiten abgelegt hat [sich ihrer .....bege­ben hat]. Sprache ist nur [nichts als] eine Reihe [Aneinanderreihung] von Lauten, wenn man so will, bloßes Stöhnen und irgendwelche Laute [nichts als ...], bis sich das Ohr nach vielen Jahrhunderten daran gewöhnt hat, die Bedeutungsnuancen und Intonationsmuster eines speziellen Stöhnlauts zu erkennen. In keiner Sprache kann man improvisieren, wenn die (Zu)Hörerschaft [das Publikum] den Sprecher [den Sprechenden, den Redner] verstehen soll. Das breitere Sprachgefüge und die Erinnerung an die Herkunft [Abstammung], an die ein altes Land immer appellieren kann, existieren nicht in einem Land, in dem jeder damit beschäftigt ist, seine Vergangenheit zu vergessen und sich von der Erinnerung dessen, was seine Vorfahren fühlten und sagten, zu lösen. Ohne Tradition kann es keine Geschmacksvorstellung geben und, was noch schlimmer ist, der Geschmack hat nur ein kleines Betätigungsfeld. In der Tat gibt es bei uns einige Annäherungsversuche [Ansätze], einige schwache Hinweise und Andeutungen einer Nationaldichtung. So könnte z. B. ein großer Dichter sich vielleicht der Karikatur [~ der satirischen Darstellung] des Uncle Sam annehmen und ihn in die Welt der Kunst versetzen [auf eine künstlerische Ebene heben], aber wenn der Dichter nicht bald erscheint [auftaucht], wird es nur noch wenige Amerikaner geben, die in jener hageren Gestalt den ersten Yankee erkennen, den eifrigen, geistreichen, mutigen [wagemutigen] und leicht melancholischen Vertreter unserer Landsleute, wie sie zum ersten Mal in der Weltgeschichte auftauchten.

 Wenn die fehlende Vergangenheit für uns in Sachen Kunst ein Handicap [einen Nachteil] bedeutet, so gilt das auch für den Bereich der guten Umgangsformen, da gute Umgangsformen selbst eine Kunst sind. Jene Gesellschaften, die einen traditionellen Verhaltenskodex haben, pflegen gute Umgangsformen; andere Gesellschaften müssen ihren Verhaltenskodex Schritt für Schritt, gleichsam improvisierend, entwickeln. Wenn im Verhalten der Amerikaner die Improvisation eine große Rolle zu spielen scheint, so ist es wirklich bemerkenswert, dass dies nicht sogar noch stärker der Fall zu sein scheint, da der Amerikaner außerhalb seines persönlichen Umfeldes [seines eigentlichen Zuhauses] oder des speziellen Stadtteils der jeweiligen Stadt, in der er zufällig wohnt, keinerlei Verhaltensregeln unterworfen ist und wenn er gute Umgangsformen zeigt [hat, an den Tag legt], seinen Landsleuten die Vermutung nahe legt [bei seinen Landsleuten/seinen L. gegenüber den Eindruck erweckt], er ahme einen Ausländer nach. Man kann auf englische, französische, italienische oder deutsche Art und Weise sprechen, gehen oder eine gepflegte Unterhaltung führen; aber es wäre in der Tat gewagt, wollte ein Kritiker, nachdem er Amerika kennen gelernt hat, sagen, wie die Amerikaner nun genau  sprechen, gehen oder eine gepflegte Unterhaltung führen, da, alles in allem, jeder Amerikaner in diesen und anderen Angelegenheiten sich so verhält, wie es ihm gerade gefällt. Auf den ersten Blick mag es wenig Anlass geben, etwas einzuwenden [Einwände zu erheben] gegen ein spontanes Verhalten, das es den Amerikanern ermöglicht hat, viel Ballast abzuwerfen und eine natürliche Freundlichkeit und unverhüllte Aufrichtigkeit offen zutage treten zu lassen. Aber es gibt andere nützliche Aspekte guter Umgangsformen, die mehr als bloße Liebenswürdigkeit beinhalten; gute Umgangsformen erlangen manchmal eine lebenswichtige Bedeutung als Sprache [in Form von Sprache] und es ist in der Tat schwierig, sich mittels guter Manieren auszudrücken, so wie bei jeder anderen Art der Unterhaltung [des Diskurses], wenn der Zuhörer nicht mit der speziellen [jeweiligen] Sprache vertraut ist [nicht ... spricht, nicht .. beherrscht]. 

from: John Erskine,  American Character, New York 1920 [John Erskine (1879 - 1951) was a prolific essayist, novelist, poet, critic, and editor (who helped co-edit the first Cambridge History of American Literature, published 1917)]

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