WS 2006/2007                 Preuß Texterschließung                          model answer: text 11

 

Ein Hauptgesichtspunkt auf der „nachkatholischen“ Tagesordnung Irlands ist das ununterbrochene [beständige] Anschwärzen jeglichen Bestandteils [Elementes] von Irlands katholischer Vergangenheit. Die gesamte Geschichte unseres Landes wird jetzt so dargestellt [gezeichnet, geschildert] als sei sie auf finstere Weise beherrscht von einer kapuzentragenden Inquisition von Priestern und Kreuze (vor sich her) tragenden Bischöfen, die Politiker wie Marionetten behandelten, während sie die Bevölkerung als moralische Leibeigene [Hörige] betrachteten und alles, womit sie in Berührung kamen, mit einer Form von Terror beherrschten. Man wird feststellen, dass De Valera bei jeder (sich bietenden) Gelegenheit [auf Schritt und Tritt] dämonisiert wird – die Darstellung von Dev als heimtückischem [verschlagenem, hinterhältigem] Heuchler und wahrscheinlichem Mörder von Collins wurde gezielt [bewusst] von Neil Jordan, einem überzeugten Vertreter [Exponenten] des „nachkatholischen“ Irland ausgearbeitet [geschickt geschaffen, kreiert]– weil Dev jetzt  mit dem Abschnitt von Irlands Vergangenheit in Verbindung bebracht wird [assoziiert wird], in dem alles so entsetzlich [grauenvoll] und „repressiv“ war.

Das wahre Bild des katholischen Irland in der Vergangenheit zeigt vielmehr, dass die Kirche höchst inbrünstig, leidenschaftlich und stürmisch vom Volk unterstützt und verteidigt wurde, (ferner) dass die Politiker sich schamlos bei den Bischöfen einschmeichelten [lieb Kind machten], wann immer sie konnten, aus den gleichen zynischen Gründen, aus denen [mit dem gleichen Zynismus, mit dem] sie sich jetzt in Brüssel einschmeicheln – weil sie glaubten [davon ausgingen, damit rechneten etc.], dass dies (Wähler)Stimmen bedeutete [brächte] und somit Macht und Einkünfte; auch wurden solch „repressive“ Aspekte [Erscheinungen] der Vergangenheit wie Zensur von Literatur nicht in erster Linie von Priestern angeführt [gingen aus von ...] sondern von kleinen alten Damen, die in Bibliotheksausschüssen saßen und die zu Tausenden der Zensurbehörde Bücher vorlegten [bei ... einreichten] mit der Forderung, diese nicht der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Eine der häufigsten Verleumdungen [Schmähungen, Verunglimpfungen, falschen/unwahren Beschuldigungen] gegenüber dem katholischen Irland der Vergangenheit war die, dass die Kirche so sehr von sexuellen Verboten besessen war, dass sie über nichts anderes predigte [über kein andres Thema]. Das ist völliger Quatsch. Die Kirche predigte mit Feuereifer gegen Verbrechen und unehrenhaftes Verhalten und betonte immer, wie wichtig es sei, sich im Geschäftsleben und auf dem Arbeitsmarkt [in Arbeitsverhältnissen] anständig zu verhalten.

Es ist kein Zufall, denke ich, dass einer der jetzt am stärksten ins Auge springenden Aspekte des „nachkatholischen“ Irlands der alarmierende [besorgniserregende] Anstieg bei Verbrechen – und Mord – ist; dazu kommt auf dem Lande das Verschwinden jenes Vertrauens und jener Offenheit, die früher typisch für das ländliche Irland waren [das ländliche Irland auszeichneten].

Spiritualität ist unter den Iren immer sehr ausgeprägt, aber es ist jetzt eine ungebundene [„frei schwebende“] Spiritualität, die sich für alles entscheidet vom Buddhismus, über Scientology und Hellsehen bis hin zu „Baumknutscherei“ [= übersteigertem Umweltschutz]. Ob die katholische Kirche Irlands mit diesen neuen Glaubensformen konkurrieren kann – ganz zu schweigen davon, ob sie mit dem Konsumdenken und der politischen Macht, die an ihre Stelle getreten ist konkurrieren kann – muss, so nehme ich an, letztlich vom Heiligen Geist abhängen. Aber soziologisch gesprochen kann kein System, das sein Selbstvertrauen verloren hat, überleben und ich glaube, das Allertraurigste bei der ganzen Angelegenheit ist die Tatsache, dass der Katholizismus in Irland sein Selbstvertrauen, seinen Mut, seinen Glauben an sich selbst und die positive Grundeinstellung zu seinen eigenen Werten verloren hat. 

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